Ansicht Illenau

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Der Illenauer Friedhof 2

 

Wer durch das hohe, schmiedeiserne Tor den Illenauer Friedhof betritt, findet sich wieder in einer anderen Welt. Beschreibungen sprechen von der „Romantik des 19.Jahrhundert“. Welche Idylle, möchte man ausrufen: die schönen, aus allen Erdteilen gesammelten Bäume, die von Efeu überwucherten, verwitternden Grabsteine. Bis zum Orkan am 2. Weihnachtstag 1999 lag der Ort im Schatten vieler mehr als hundert Jahre alten Eichen und Buchen.

Romantisch klingt, was vor 121 Jahren das „Illenauer Wochenblatt“ schrieb. „Unser Friedhof, dieser liebliche Garten an dem Saum des nahen Wäldchen, prangt jetzt wieder in herrlichem Maiengrün. Die blühenden Sträucher und Blumen verbreiten an dem stillen Ruheplatz der Toten süßen Geruch, die Nachtigallen stimmen ihre herzergreifenden Weisen an und scheinen die Sprache der stummen Natur zu dolmetschen. Da weilen wir gerne und lassen uns von den ersten Kreuzen und Leichensteinen an manche liebe Heimgegangenen erinnern, die in treuem Andenken bei uns stehen.

Auf diesem Friedhof wurden 2520 Menschen zur letzten Ruhe gebettet. Viele, deren Grabsteine nach dem Krieg geraubt oder zum Straßenbau verwendet wurden, und andere, deren Grabsteine noch stehen. Viele auch, die unter einfachen, längst verwitterten Holzkreuzen ihre letzte Ruhe fanden. Ärzte und Pfarrer, Pfleger und Pflegerinnen liegen inmitten ihrer Kranken.

Hier müssen wir innehalten. Die meisten derer, die hier liegen, hatten sehr schwere Schicksale. Ihr Leben und Sterben war weit entfernt von Idylle und Romantik.

Christian Roller, Illenaus Gründer, nannte sie „die Ärmsten unter den Menschen“

Wie gingen sie mit ihren Schicksalen um? Sie hofften auf eine bessere Welt. Sie lebten und starben in der Gewissheit, dass ihr Leben, wenn es zum Ende kam, noch nicht am Ziel war. Aus vielen Grabinschriften spricht Hoffnung; die Hoffnung die nicht zu schanden werden lässt“. Woher nehmen die Verächter christlichen Glaubens das Recht, den auf dieser Welt chancenlos Lebenden und Sterbenden diese letzte Chance zu nehmen: den Himmel? Für die Illenauer war Gottes Friede Wirklichkeit „Friede, der höher ist als alle Vernunft“. Er strahlt heute noch von diesem Ort aus, ist leibhaftig spürbar. Auf dem Grabstein von Georg Groos stehen die Worte: „ Du suchst den Frieden? Der Friede ist hier.“

1842 wurde die Großherzogliche- Badischen Hei- und Pflegeanstalt Illenau in Betrieb genommen. Die Kirche, die nach Dr. Christian Rollers Willen beiden Konfessionen dienen sollte, harrte noch der Vollendung. Anderes Wünschenswerte fehlte ganz.

Das Gesuch, einen eigenen Friedhof einrichten zu dürfen, wurde von der Behörde abschlägig bescheiden. Die Illenauer mussten die Toten der ersten Jahre auf den Acherner Friedhof bringen, auf einem für viele Kranke zu langen Weg.

Dr. Roller ließ nicht nach. Er war ein „Genie des Willens“. Im November 1856 ging man wieder daran, nach einem geeigneten Platz zu suchen und die Kosten zu überschlagen. Nach langen Suchen und Rechnen kamen Anstalts-Direktion und Ministerium des Inneren überein, den Friedhof im Gewann „Langenforchenwäldchen“ anzulegen. Viele Monate harter Arbeit waren vonnöten, den Wald zu roden und den harten Boden urbar zu machen. 1859 konnte der Gottesacker feierlich eingeweiht werden. Schon vor der Einweihung aber, im Januar des Jahres, geleitete Christian Roller seine geliebte Frau hierher zur letzten Ruhe. Fast 20 Jahre später, † 1878 folgte er ihr nach.

Mit den beiden harren ihre Kinder und viele andere hier Begrabene ihrer Auferstehung. Ich sage bewusst: Wer aufmerksam durch den Illenauer Friedhof geht, spürt, dass in ausweglos scheinende Trauer hinein, das Licht der Auferstehung scheint. Hinter dem schmiedeisernen Tor streckt der Herr seine Hände denen entgegen, die hier eintreten. Sie begegnen einer Kopie der Christusstatue des dänischen Bildhauers Bertel Thorwaldsen. Auf dem Sockel des Originals in Kopenhagen stehen Jesus Worte „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Der Sockel des Illenauer Bildes trägt den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets: Alpha und Omega. Der Auferstandene sagt „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende“.(Angemerkt sei, dass dem von Martin Luther mit „Ende“ übersetzten griechischen Wort „Telos“ der Sinn von „Ziel eignet.”)

Originalquelle: Dr. Gerhard Lötsch mit freundlicher Genehmigung von Dr. Lötsch.
TM

 

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