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Durch die 1842 gegründete Großherzogliche Badische Landesheilanstalt Illenau genoss Achern Weltruf. Medizinische Kapazitäten und international berühmte Patienten sorgten für einen Aufschwung des kulturellen Lebens in Achern. Als leitender Arzt wurde Dr. Christian Roller (geistiger Vater, Initiator und Gründer der Illenau) berufen. Dieser brachte die nötigen Kenntnisse aus Pforzheim mit, wo er als Psychiater im Waisen- und Tollhaus tätig war. Dr. Roller wollte sich mit der Illenau einen Traum erfüllen, einen Traum, in dem man Geisteskranke nicht als vom Teufel Besessene ansah und im Irrsinn keine Krankheit, sondern eine Strafe Gottes zu erkennen glaubte. Die Zeit sollte vorbei sein, als man Geisteskranke noch in dunklen Verliesen ankettete und verprügelte. Dr. Roller wollte mit seiner Anstalt neue Wege aufweisen und Maßstäbe setzen für eine bessere, humanere Zukunft auf dem Gebiet der Psychiatrie. Mit der Anfertigung der Baupläne wurde der in Freiburg wohnende Baurat Hans Voß, ein Schüler Friedrich Weinbrenners, beauftragt. Bei der Planung arbeitete er eng mit Dr. Roller zusammen, von dem die Gesamtkonzeption des Baus stammte. Voß fertigte den Plan im klassizistischen Geist Weinbrenners an. Klar in der Gestaltung und wohlproportioniert in den Maßen, mit einer guten Gliederung der Gebäude, konnte die den Vorstellungen Rollers entsprechende schlossähnliche Anlage geschaffen werden. Der feierlichen Grundsteinlegung am 9. Juni 1839 gingen notwendige Geländearbeiten voraus.
In den drei Jahren Bauzeit hielten sich bis zu 400 in- und ausländische Arbeiter in der Illenau auf. Das nötige Bauholz war im Schwarzwald natürlich vorhanden. Bei der Grundsteinlegung gab Großherzog Leopold von Baden dem ganzen Projekt, in Anlehnung an den angrenzenden Illenbach, den Namen Illenau. Mit der Eröffnung der Heilanstalt am 23.09.1842 trafen dann am diesem Tag unter der Leitung des Assistenzarztes Dr. Karl Hergt die ersten 49 Kranken aus der Anstalt Heidelberg ein. Es folgten 242 weitere Patienten aus Heidelberg und Pforzheim. Im Oktober beherbergte Illenau bereits 291 Patienten.
Dr. Roller, seit 1835 Direktor in Heidelberg, übernahm die Leitung; neben und mit ihm wirkte Dr. Karl Hergt, der ebenfalls in Heidelberg an Rollers Seite tätig gewesen war, sowie als dritter Arzt Dr. Franz Fischer. Die Anstalt (verglichen mit dem Grundriss) gleicht einem großen Rechteck unter einem Dach, und gliedert sich wieder in drei kleinere Rechtecke. Die Mitte bildet der große Innenhof mit seinen Säulen-Gängen; im Hintergrund, den Bergen zu, lagen Festsaal und Kirche, links vom Eintreten die Abteilung der Männer, rechts die der Frauen. Sie teilen sich in Heil- und Pflegeabteilungen. Die Räume für die ruhigen Kranken waren dem mittleren Hofe angeschlossen; es folgten nach außen die der halbruhigen und die der unruhigen Patienten. Die Verwaltungsgebäude mit den Beamten- Wohnungen bildeten die vorderen Eckfronten, die Ökonomiegebäude waren von der Anstalt getrennt. Dr. Roller legte großen Wert darauf, dass die Kranken vom Personal vorbildlich behandelt wurden. Denn der Patient war für den Arzt nicht „ein Fall“, sondern ein Mensch, dessen seelische und geistige Beschaffenheit ebenso berücksichtigt werden musste wie der medizinische Befund. Da der Patient aus seinem häuslichen Umfeld herausgenommen wurde, sollte ihm die Illenau zur neuen Heimat und ihre Angehörigen zur Familie werden. Die Patienten mit leichter Depression konnten in Gärten spazieren gehen oder auch leichte Arbeit in der Landwirtschaft verrichten. Wer von den Männern arbeiten wollte, konnte sich in den Werkstätten des Hauses betätigen, oder im Garten, auf dem Feld oder auf dem Holzplatz arbeiten. Die Kranken empfanden den Segen ihrer individuell angepassten Arbeit als wohltuend. Jede Abteilung hatte ihren eigenen Garten mit Blumenbeeten, die von den Kranken selbst gepflegt wurden. Die Frauen konnten in der Küche oder Wäscherei der Anstalt mitarbeiten. Es gab auch kleine Feste, von der schlichten heiteren Geselligkeit bis hin zu Weihnachten. Auch Gedenktage und ähnliches boten dazu willkommenen Anlass.
Dr. Roller übernahm dazu 1848 den Wahlspruch vom edlem Lord Ashley „In Liebe dienen“. Die familiäre Zusammengehörigkeit sollte auch durch eine eigene Hauszeitung gepflegt werden, die aber nur in den Anfangsjahren von Illenau eine Zeit lang erschien, und von den Kranken handschriftlich und später, 1867- 1886, im Druck als „Illenauer Wochenblatt” erschien. Sie sollte den Angehörigen der Patienten einen Einblick in das fortlaufende Leben der Anstalt gewähren. Sie brachte auch kurze Auskünfte über das Befinden der einzelnen Patienten. 1861 wurde auch das „Illenauer Liederbuch“ herausgegeben, das auch in diversen anderen Anstalten Eingang fand. Auch für die unheilbar kranken Patienten gab es einen Spazierhof, der allerdings nach allen Seiten von hohen Mauern umgeben war. Alle diese Maßnahmen sollten dazu beitragen, dass keine Monotonie in das Anstaltsleben kam, und die Kranken im Bewusstsein lebten, nicht sich selbst überlassen zu sein, sondern einer Gemeinschaft anzugehören. Dr. Roller war der Ansicht, dass zur Heilung der Geisteskranken nicht nur medizinische Mittel angewendet werden sollten, sondern auch jene, die auf Geist und Seele wirken. So legte Roller besonderen Wert auf die Erziehung der Patienten zur Ordnung durch strenge Einhaltung der Hausordnung. Die Hausordnung schrieb vor, dass gemeinsame Morgen- und Abendandachten gehalten und vor jeder Mahlzeit Tischgebete gesprochen wurden. Außerdem wurden im Tagesverlauf Stunden zur religiösen Unterweisung festgesetzt. Dr. Roller verordnete auch Medikamente zur Beruhigung und als Schlafmittel. 1867 bekam die Anstalt eine Apotheke, welche die Medikamente selbst herstellte, bzw. in Achern in einer Apotheke besorgte. Einzelne Patienten mussten allerdings isoliert werden. Bei aggressiven Patienten wurde die Zwangsjacke und die Unterbringung in Zellen angeordnet.
Die Illenau gewann immer mehr an Ansehen, da viele der Patienten als geheilt entlassen werden konnten. Bald schon kamen Kranke aus ganz Europa nach Achern, und viele Patienten des in- und ausländischen Adels wurden hier von ihren Depressionen geheilt. Das Einzugsgebiet von Illenau vergrößerte sich ständig, und man stand dem Problem des Platzmangels gegenüber. Daher wurde die Anstalt ständig umgebaut, erweitert und den Bedürfnissen der Patienten angepasst. Trotz des Weiterbestehens der Anstalt in Pforzheim war die Illenau 1872 mit 450 Patienten total überfüllt. So kam es dann, dass die einstöckigen Trakte im Mittelbau überbaut wurden, um Platz für die große Anzahl an Patienten zu haben.
In den Jahren 1902/03 errichtete man etwas außerhalb gelegen zwei Landhäuser im Villenstil. Sie dienten der Unterkunft derer, die kurz darauf als geheilt entlassen werden sollten. Man unterschied zwischen dem Männer- und dem Frauenlandhaus. Einige Jahre zuvor wurden der Rollerbau (1882) und der Hergt- Bau (1901) errichtet. Hier wurden die Unheilbaren einquartiert. Außerdem durften sich verheiratete Pfleger auf die Bereitstellung einer Wohnung seitens der Anstalt freuen und so wurde der ursprüngliche Anstaltsbau immer wieder erweitert. Dies geschah jedoch mit viel Gespür und Rücksicht auf die Harmonie des Ganzen. Wer heute die Anlage betrachtet, wird nur schwer unterscheiden können zwischen der von Dr. Roller geplanten Einheit und den später erbauten Gebäuden. Beim Tod von Dr. Roller am 4. Januar 1878 ehrte ihn sein edler Landesfürst, indem er selbst ihm das letzte Geleit zu Grabe gab. Ihm und seinem Nachfolger widmete er seine Festrede zum goldenen Anstalts-Jubiläum mit den Worten: „Es ist staunenswert und nur aus den fast unerschöpflichen geistigen Hilfsquellen zu erklären, dass Dr. Roller neben der umfassenden Tätigkeit, neben seinen täglichen Besuchen bei den Kranken, neben seinen Familienpflichten - der ehrwürdige Patriarch des gastfreundlichsten Hauses- endlich neben seinen zahlreichen ärztlichen Konsultationen noch Muse finden konnte für schriftstellerische Arbeiten”. Und doch hat Roller deren mehrere und größere auf dem Gebiet der Administration und der gerichtlichen Psychiatrie hinterlassen, welche mustergültig in der Form, und bleibend wertvoll in ihrem Inhalt sind. In vielen und schwierigsten Fragen der forensischen Psychiatrie ist Roller weitblickend und grundlegend seiner Zeit vorausgeeilt, wie er denn auch später noch die Genugtuung erfahren durfte, dass die neue deutsche Reichsstrafgesetzgebung in der maßgebenden Fassung des § 51 ganz auf die Rollersche Anschauungen eingegangen ist. Er wurde im Familiengrab auf dem Illenauer Friedhof beigesetzt.
Nach dem Tod von Dr. Christian Roller übernahm Dr. Karl Hergt am 9. November 1878 die Leitung von Illenau. Er war in seinem 71. Lebensjahr und hatte bereits sein 25- und 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert. Doch Dr. Hergt übernahm dieses neue Amt mit einem tiefen Verantwortungsgefühl und kümmerte sich hingebungsvoll um seine Patienten. Er bemühte sich mit persönlichem Engagement um ihre Heilung und war für alle Ärzte der Illenau ein großes Vorbild. Dr. Hergt war ein großer Freund der Kranken, für die er alles tat, alle Entbehrungen auf sich nahm, wenn es notwendig schien. Dr. Hergt hatte die Gewohnheit, schon sehr früh aufzustehen, er war es gewohnt, im Sommer bereits zwischen vier und fünf Uhr und im Winter eine Stunde später nach seinen Patienten zu sehen. Dabei machte er eines Tages die Beobachtung, dass eine gerade aufwachende Patientin etwa eine halbe Stunde von den sonst üblichen Anfällen und Verkrampfungen völlig frei blieb; erst danach setzten diese ein. Dr. Hergt änderte darauf hin seine Therapie und verabreichte der Patientin das Beruhigungsmittel sofort nach dem Erwachen, um den täglichen Ausbruch des Anfalles zu verhindern. Er nahm all die Mühe auf sich, wochenlang jeden Morgen am Bett der Kranken zu wachen. Innerhalb von zwei bis drei Monaten konnte die unter dem Eindruck ihrer schrecklichen Krampfanfälle völlig abgemagerte Patientin sich so weit erholen, dass sie vollständig geheilt wurde.
Leicht war Hergts Aufgabe nie. Er war durchdrungen von der Richtigkeit der Rollerschen Anstalts-Grundsätze und verschloss sich den Forderungen des Zeitgeistes in den Fortschritten der „Irrenpflege” nicht. Aufgrund seiner Verdienste um bahnbrechende Therapieänderungen wurden Dr. Hergt vielerlei Auszeichnungen und Ehrentitel verliehen, angefangen von der Verleihung der Ehrenbürgerwürde durch die Stadt Achern bis zu Ehrungen durch den Landesfürsten. Als Dr. Hergt am 23. Dezember 1889 starb, hinterließ er den unter seiner Leitung hinzugefügten „Hergt- Bau”, und die Erinnerung an einen großen Menschen und Mediziner, der seine letzte Ruhe unter einem schlichten Grabstein auf dem Waldfriedhof der Illenau fand. Es ist zu beklagen, dass von seinen reichen Erfahrungen nichts überliefert ist. Denn der unermüdliche Krankenfreund hat bei seiner Auffassung der Pflicht als Psychiater sich selbst nie Ruhe und noch weniger Muse zu literarischen Arbeiten gegönnt.
Dr. Heinrich Schüle, der 1863 als Hilfsarzt an die Illenau gekommen war, übernahm dann 1890 an Hergts Stelle und als dritter Direktor die Leitung von der Illenau. Dr. Schüle war eine Weltkapazität auf dem psychiatrischen Gebiet. Er wurde oft zur Beratung von schwierigen Fällen und Vorträgen ins Ausland gerufen. Zahlreiche Universitäten boten ihm Lehrstühle an und viele psychiatrische Anstalten den Direktorensessel, aber Schüle war mit seinem Platz in der Illenauer Familie vollauf zufrieden. Trotz seiner wissenschaftlichen Arbeit hatte Schüle ein großes Herz für „seine” Kranken. Zur goldenen Jubelfeier der Anstalt 1892 entstanden zwei Krankenbaracken und die Erdöllampen wurden durch elektrische Beleuchtung ersetzt. Die Anstalt erhielt eine moderne Kanalisation und eine Trinkwasserleitung. Auch wurde eine neue Beobachtungsstation errichtet für Ruhige, Halbruhige, und Unruhige. Für letztere wurden 1901 zwei Pavillons errichtet, die räumlich vom Hauptbau getrennt lagen; der Trakt für die Frauen erhielt den Namen „Hergt- Bau”. Eine Wachabteilung für halbruhige und ruhige Patienten ließ sich nach einem etwas schwierigen, aber nach Vollendung wohlgelungenen Umbau im Haupthaus gewinnen, wozu auf der Frauenseite erst noch die provisorische Verlegung der Waschküche in das frühere Maschinenhaus nötig wurde (vermutlich 1904 bzw. 1906). Die Bettenzahl auf der Beobachtungsstation betrug zusammen 220 Plätze.
Durch die kräftige Unterstützung der Regierung und damaligen Landstände wurde es möglich, dass in kurzer Bauzeit zwei Landhäuser für je 23 Rekonvaleszenten errichtet werden konnten. Dadurch wurde auch eine ambulante Behandlung möglich. Der Neubau der Kochküche wurde 1905 in trefflicher Weise verwirklicht. Neben ihr wurde ein neues Kessel- und Maschinenhaus gebaut, das die Anstalt mit Dampf für die Zentralheizung versorgte. Die provisorische Waschküche wurde angeschlossen, sowie die Wachstation der Frauenseite. Die hohen Mauern in den Abteilungshöfen der Halbruhigen wurden abgerissen und durch Staketenzäunen ersetzt, welche den Kranken freie Aussicht und reichliches Maß an frischer Luft gewährten. Durch die Verlegung der Küche konnte dann die Erweiterung der Arbeitsräume für die Ärzte und dem Verwaltungsdienst endlich beendet werden. Auch die Gärtnerei wurde 1907 in einen auf dem Gelände errichteten Neubau verlegt. Das Anstaltsgelände umfasste Ende 1909 rund 44 ha, davon ca. 30 ha Staatseigentum und 14 ha gehörten den Stiftungen, die zugleich Anstaltszwecken dienten. Die Zahl der Kranken betrug am 31.Dezember 1909 insgesamt 349 Männer und 323 Frauen, zusammen also 672 Personen. Der höchste Stand war am 17. Juli 1909 mit 706 Kranke, der niedrigste mit 654 Kranke am 1. Januar. Dr. Schüle erreichte außerdem 1906 die Neugründung des Hilfsvereins für entlassene Geisteskranke. Schüle starb 1916 und wurde auf dem Illenauer Friedhof bestattet.
Nach dem Tod von Dr. Schüle übernahm Dr. Ernst Thoma von 1917 bis zu seiner Pensionierung 1929 die Leitung von Illenau. Er leistete zwar keine Pionierarbeit auf dem Gebiet der Psychiatrie, gründete jedoch 1921 die Krankenpflegeschule, in der sich schon nach der Eröffnung auch Pfleger und Ärzte aus anderen Anstalten fortbilden konnten. In rassenpolitischer Hinsicht stand er stets auf dem Boden des Dritten Reiches und hielt jegliche jüdischen Einflüsse von „seiner“ Anstalt fern. Nie saß während seiner Amtszeit ein Jude im Ärztekollegium der Anstalt Illenau. Dr. Thoma war grenzenlos bescheiden, selbstlos und anspruchslos. Thoma liebte die Natur und den Schwarzwald. So boten ihm zahlreiche Wanderungen oft die einzige Entspannung von seiner anstrengenden Tätigkeit. Er war der erste Skiläufer in Achern und führte, vom Feldberg kommend, den Skisport in Achern ein. Lange Jahre gehörte Thoma dem Vorstand des Schwarzwaldvereins an und war selbst Vorstand der Sektion Achern. Aber Dr. Thoma war kein kalter Bürokrat, sondern ein Mann von Charakter, Gesinnung und einer unendlichen Güte. Neben seiner wissenschaftlichen Forschung nahm er sich stets warmherzig seiner Patienten an ohne Unterschied von Stand und Beruf und er besaß die besondere Fähigkeit, mit ihnen als Arzt und Mensch in engeren Kontakt zu kommen. Seinen Kollegen und dem übrigen Personal war Thoma ein wahrer und aufrichtiger Freund und treuer Berater in allen Lebenslagen.
Obwohl es kein leichter Beruf war, waren die Arbeitsplätze als Wärter und Wärterin damals in Achern und Oberachern heiß begehrt; ohne den nötigen Idealismus war man jedoch fehl am Platz. Wer unter das Pflegepersonal aufgenommen werden wollte, musste nicht nur guten Willen und Unbescholtenheit besitzen, sondern auch eine gewisse Bildungsfähigkeit. Während der Probezeit führte eine erfahrene Pflegeperson sie in die Aufgaben des Dienstes ein, während ein Arzt die medizinisch erforderlichen Kenntnisse vermittelte. Bei dem autoritären Führungsstil in der Illenau war es normal, dass Verstöße gegen die Hausordnung und Disziplinlosigkeit im Dienst streng bestraft wurden. Auch durften die Kranken nie geschlagen werden. Von den Pflegern und Pflegerinnen wurde Aufopferung, Diensteifer und Gewissenhaftigkeit gefordert. Das Betriebsklima war jedoch vorbildlich, vom Chefarzt bis zum Gärtner herrschte eine familiäre Atmosphäre. Es war eine Ehre, in der Illenau Dienst zu verrichten und der Illenauer Familie anzugehören. Über der Eingangstür zum Festsaal stand in all den Jahren Dr. Roller’s Wahlspruch: „In Liebe dienen“. Sie drückten in der 98- jährigen Geschichte das Motto der Illenau aus. Die Arbeit des Pflegepersonals gestaltete sich alles andere als leicht. Es war keineswegs einfach, stets geduldig mit den Kranken umzugehen, da diese unberechenbar waren. Da die Patienten als nicht verantwortlich für das, was sie taten und sagten, betrachtet wurden, waren ihre Beschimpfungen und Widersetzlichkeiten mit Nachsicht zu ertragen und nicht zu bestrafen. Das Pflegepersonal musste immer die Menschenwürde der Patienten achten. Auch mussten sie darauf achten, dass mit Mitteln des Hauses sparsam umgegangen und die Einrichtung schonend behandelt wurde. Dabei sollten die heilbaren Patienten von den „unheilbar“ Kranken nur innerhalb der Räumlichkeiten getrennt werden. Man separierte allerdings, wie es damals üblich war, Frauen von Männern. Fast täglich wurden Pfleger von Kranken beschimpft, gedemütigt oder gar tätlich angegriffen. Das Personal aber durfte sich nicht provozieren lassen und hatte die Aufgabe, in Liebe zu dienen. Wachsam schützten sie die Depressiven vor sich selbst, denn Selbstmordversuche gehörten zum Alltag.
(Anmerkung: diese Vorschriften wurden von der Anstaltsleitung sehr streng gehandhabt, denn in allen von mir eingesehenen Personalakten der Illenau finden sich vom Wärter bis zum Oberwärter Verweiße).
Viele spätere Anstaltsdirektoren sind aus der Illenau hervorgegangen, oder haben hier ihre psychiatrische Ausbildung genossen: Gudden (Werneck), von Kraft- Ebing (Graz), Kirn (Freiburg), Hagen (Erlangen), Dick (Klingenmünster), Kussmaul (Heidelberg), Ludwig (Heppenheim), Frese (Moskau), Fischer (Pforzheim), Dietz (Stuttgart) usw. Während des Ersten Weltkriegs, als viele Pfleger zum Heerdienst einrücken mussten, wurden auf den Abteilungen der Männerstation auch Pflegerinnen zur vollen Zufriedenheit der Anstaltsleitung eingesetzt.
Die Illenau ging in allen Jahren auf dem Gebiet der Versorgung eigene Wege. So verfügte sie über eine eigene Bäckerei, Metzgerei, Schneiderei, Schmiede, Schlosserei und auch eine Gärtnerei durfte bei der Größe des Objekts nicht fehlen. Außerdem gab es noch einen Kuh, Schweine und einen Pferdestall. Da der ganze Bedarf an Lebensmitteln aber nicht durch die Eigenproduktion gedeckt werden konnte, kaufte man bei Bedarf den Rest in Achern ein, und so profitierten auch die Acherner durch den Handel mit der Illenau. Dr. Hans Römer übernahm die Anstaltsleitung der Illenau 1929. Am 1. Mai 1933 wurde in der Illenau zum ersten Mal der Tag der Arbeit gefeiert. Unter dem Motto „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ wollte Direktor Römer das Leitmotiv der Illenauer Arbeit wieder erkennen „in Liebe dienen“. Er hatte die Hoffnung, sein Lebenswerk zum Wohl der Geisteskranken weiterführen zu können.
Das am 1. Januar 1934 in Kraft getretene Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vermochte diese Begeisterung nicht zu dämpfen. International war die Sterilisierung, die „Unfruchtbarmachung“, als eine übliche Methode anerkannt, mit Geisteskranken umzugehen. Mit Ausnahme der Ärztin Dr. Liguori traten an diesem Tag alle Illenauer Ärzte der NSDAP bei. Dr. Römer bekam im September 1939 die Mitteilung von der „Gemeinnützigen Stiftung für Anstaltspflege”, dass Patienten der Illenau mittels eines Sammeltransportes verlegt werden sollten. Zu Anfang glaubte man, der Grund dafür sei der geplante Westfeldzug. Am 5. Dezember 1939 informierte Dr. Sprauer (Regierungsdirektor im Amt für Volksgesundheit Karlsruhe) in einem Gespräch unter vier Augen Dr. Römer, dass ein geheimer Führerbefehl die Tötung Geisteskranker verfüge. Dr. Römer war entsetzt über diese Mitteilung und stellte sich mit aller Macht gegen den Abtransport. Er versuchte, seine Patienten zu retten. Mehrfach bezeugt sind seine Worte: „Ich lasse mich nicht zum Mörder der mir anvertrauten Menschen machen“. Er nahm Kontakt mit anderen Anstalten auf und beriet sich mit seinen Kollegen. Dr. Römer forderte bei der Reichskanzlei die Anerkennung von Illenau als mittelbadische Nervenklinik, leider ohne Erfolg. Daraufhin meldete sich Dr. Römer krank und konnte dadurch den Abtransport der Kranken für kurze Zeit verzögern. Kaum aber wieder im Amt, wurde auch schon der Abtransport von 50 Kranken befohlen. Er bemühte sich, den Befehl zu umgehen, erreichte aber nur, dass arbeitsfähige und selbst zahlende Patienten verschont blieben.
Belegt ist von einem früheren Pfleger: „Am Abend vor dem Abtransport erhielten wir eine Liste mit den Namen der Patienten, die abgeholt werden sollten. Frühmorgens am 18. Juni 1940 kamen dann die „Grauen Busse“ in Illenau an, auch die Fenster waren bis oben grau gestrichen. Die Kranken bekamen einen Zettel mit einer Nummer. So traten sie einzeln in den Bus ein, und wir schrieben ihnen mit Tintenstift die Nummer auf ihre nackten Rücken. Weil die Patienten meinten, dass sie in eine andere Anstalt verlegt würden, waren sie im allgemeinen ganz ruhig. Sie wussten ja nicht, was mit ihnen geschehen würde. Doch statt der gemeldeten 50 wurden 75 Patienten direkt ins Tötungslager nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb gefahren, wo sie nach fragwürdigen Untersuchungen in die Gaskammer geschickt und danach eingeäschert wurden. Ein paar Wochen später wurden uns dann die Kleider von Grafeneck zurückgeschickt”. (Anmerkung: Die Gaskammer in Grafeneck fasste 75 Opfer)
Nach dem Eintreffen der zum Teil willkürlich angegeben Todesnachrichten in der Illenau wurde man stutzig und schon bald machten Gerüchte vom grausamen Ende die Runde. Die Ärzte, die Pfleger und die Patienten wurden unruhig. Am 3. Juli 1940 informierte Dr. Sprauer die Ärzte und wies darauf hin, dass es sich bei diesen Maßnahmen um ein „Staatsgeheimnis“ handle. Wer öffentlich darüber rede, würde mit dem Tode bestraft. Unter Tränen protestierte Frau Dr. Liguori gegen die „Verlegung“ der Patienten, und trat noch am selben Tag einen ihr zur „Beruhigung der Nerven“ verordneten Urlaub an. Die Ärzte der Illenau mussten bald festellen, dass die von Hitler in die Wege geleiteten Maßnahmen das Vertrauen zwischen Patienten und Ärzten zerstörten. Dr. Römer, der sich zum Teil mitverantwortlich am Tod seiner Patienten fühlte, beauftragte seine Kollegen, so viele Patienten wie möglich als geheilt zu entlassen oder zu Verwandten zu bringen, um diese dort zu verstecken. Nachdem eine erneute Aufforderung in der Illenau eintraf, weitere 60 Patienten für den Abtransport vorzubereiten, wusste sich Dr. Römer keinen Rat mehr und meldete sich erneut krank, um den Abtransport zu verzögern. Doch leider musste Dr. Römer feststellen, dass seine Bemühungen zu keinem Ergebnis mehr führten. Da er nicht am Tod dieser „Ballastexistenzen” verantwortlich sein wollte, ließ er sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen.
(Anmerkung: Insgesamt wurden fast 300 „Patienten“ aus der Illenau in den Gaskammern ermordet. Heute erinnert ein schlichter Stein auf dem Illenauer Friedhof an die 300 Illenauer Opfer der „Euthanasie”)
Möglicherweise traf es die Illenau deshalb so hart, weil der Reichsführer SS Himmler auf seinen Weg zur SS-Erholungsstätte Hohritt oft an Illenau vorbeikam. Nach dem Rücktritt und der Pensionierung von Dr. Römer war die Schließung der Anstalt unaufhaltbar geworden. Der sechste Direktor der Illenau, war dann Dr. Arthur Schreck. Er war seit 1934 Direktor der neugegründeten staatlichen Pflegeanstalt in Rastatt. Später, nachdem durch seine tatkräftige Mithilfe die eigene Anstalt Rastatt aufgelöst und die Mehrzahl der Patienten in Grafeneck ermordet waren, übernahm er kommissarisch die Leitung der badischen Heil- und Pflegeanstalt Illenau.
Am 3. Juli fordert der Karlsruher Ministerialrat Dr. Sprauer den gerade in Berlin eingetroffenen Schreck auf, die zur Auflösung bestimmte Illenau zu übernehmen und den Krankenstand von damals 600 zunächst einmal zu halbieren. Schreck handelt auftragsgemäß und verlegt 280 Patienten nach Konstanz, Emmendingen und Wiesloch. Zur Entrüstung der Kollegen meldet er aus freien Stücken eine Alkoholikerin und drei schizophrene Patienten für die mutmaßlichen "Euthanasie"-Transporte nach, ohne sie, jedenfalls teilweise, persönlich zu kennen oder sich mit dem behandelnden Arzt in Verbindung zu setzen.".... Ende August waren noch ca. 310 Patienten in der Illenau. Als auch Dr. Hoffers (Stellvertreter von Dr. Römer) Ende August wieder seinen Dienst aufnahm, wechselte Dr. Schreck nach einem kurzen Aufenthalt bei der Berliner "Euthanasie"-Zentrale im Oktober als stellvertretender Anstaltsleiter an die Badische Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch.
Dr. Schreck war neben seinem Dienst als stellvertretender Direktor seit Februar 1940 parallel hierzu einer der Gutachter der T-4. Bis November 1940 "begutachtete" er ca. 15.000 Meldebögen, davon ungefähr 8000 mit einem roten Plus, was in der Regel das Todesurteil der Patienten bedeutete.
(Anmerkung: T-4 ist eine im Zweiten Weltkrieg verwendete Bezeichnung für die systematische Ermordung von Menschen mit einer Behinderung. Unter dem Decknamen „Euthanasie”. T4 ist die Kurzform für die „Euthanasie-Zentrale“ in Berlin, die in der Tiergartenstraße 4 lag. Von dort aus verwalteten über 300 Beamte und Angestellte die Maßnahmen zur „Euthanasie“, bei denen in den Jahren 1940-45 mehr als 200.000 „Ballastexistenzen“ vernichtet worden).
Dr. Hoffers löste mit dem Abtransport der letzten Patienten am 2. Oktober nach einer Anweisung aus Karlsruhe die weltberühmte badische Musteranstalt Illenau vollends auf. Als im Oktober 1940 die Illenau dann aus dem Verzeichnis der badischen Heil- und Pflegeanstalten gestrichen wurde, schied auch Medizinalrat Dr. Weisenhorn aus dem Dienst. Er blieb mit seiner Frau in der Adolf-Hitler-Straße (heute Ratskellerstraße) in Achern wohnen. In den letzten Monaten seines Lebens soll er gemütskrank gewesen sein. Was ihm bevorstand, ahnte er wohl, denn er schoss sich eine Kugel in den Kopf. Sie war anscheinend nicht sofort tödlich, denn Blutspuren ließen erkennen, dass er als Sterbender noch hilflos im Kreis herumirrte. Dr. Weisenhorn hinterließ einen Abschiedsbrief, den seine Frau auf dringendes Anraten der Nachbarin Mohring vernichtete. Der Gestapo war nicht verborgen geblieben, dass der Arzt mit der NS-Weltanschauung gebrochen und die Fronten gewechselt hatte. Die Suche nach Spuren konspirativen Wirkens in Weisenhorns Wohnung blieb vergeblich. Im Dezember 1940 war die Pflegeanstalt von Dr. Hoffers völlig aufgelöst wurden. Damit endete eine 98- jährige Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Illenau.
Lange blieben die Räume der Illenau nicht leer. Denn die Nationalsozialisten nutzten daraufhin die ehemalige Anstalt als Reichsschule für Volksdeutsche. Das Reich brauchte keine Pacht zu bezahlen, übernahm aber dafür die Unterhaltspflicht für die Gebäude. Fast 4 Jahre lang lebten hier zwischen 400 und 500 südtiroler Mädchen, deren Eltern sich 1940 für Deutschland entschieden hatten. Sie wurden nach deutschen Schulplänen unterrichtet. Zwischen 1943 und 1944 war die Illenau eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) für Jungen. In einem separaten Teil des Gebäudes wurden 40 polnische Mädchen untergebracht. Sie waren zum Teil gewaltsam hierher gebracht worden, um eingedeutscht zu werden, da sie alle blond und blauäugig waren. Die Illenauer Heilanstalt war nach dem Zweiten Weltkrieg vom April 1945 bis August 1994 von den Franzosen zuerst als Übergangslager für polnische Gefangene, die nach Deutschland deportiert worden waren und hier auf ihre Heimreise warteten, genutzt. Danach wurden die Gebäude von der französischen Armee, unter dem Namen „Kaserne Turenne” militärisch genutzt. Als im Jahr 1990 bekannt wurde, dass die Soldaten in absehbarer Zeit die Illenau verlassen würden, bildete sich die Bürgerinitiative „Zukunft der Illenau“. Der evangelische Pfarrer Dr. Gerhard Lötsch, Gerhard Stauch und Hans Vierneisel initiierten zusammen mit anderen engagierten Bürgern Veranstaltungen zum Jubiläum „150 Jahre Illenau“. Im Rahmen des deutsch-französischen Festes öffneten die französischen Streitkräfte im Mai 1992 zum ersten Mal die „Kaserne Turenne“. Am 1.3.1999 kaufte die Stadt Achern die ehemalige Pflegeanstalt. Diese wurde zum Teil an private Investoren verkauft und wird heute teilweise umgebaut. Dort entstehen Eigentumswohnungen..
Was wäre wohl aus der Illenau geworden, hätten die Nationalsozialisten dem allen kein Ende gesetzt?
Originalquelle: Nachlass von Hugo Huber. Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Achern. TM
Literatur:
Die Bürgerinitiative stellte das erste Buch einer Schriftenreihe vor: die Arbeit der Architektinnen Sabine Stinus und Dagmar Köppel über „Die Illenau. Analyse eines historischen Geländekomplexes unter geschichtlichen, funktionalen und architektonischen Aspekten”. Achern 1992.
Zu den Veranstaltungen vom 22. bis 25. September 1992 (dokumentiert in der Schrift „150 Jahre Illenau” von Paul Droll, Achern 1994) veröffentlichte die Bürgerinitiative Hugo Schneiders Arbeit über „Die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt Illenau. Ihre Geschichte und ihre Bedeutung”. Achern 1992.
Aus der Feder von Pfarrer Dr. Gerhard Lötsch stammen die Bücher „ Christian Roller & Ernst Fink – Die Anfänge von Illenau“ und „Von der Menschenwürde zum Lebensunwert – Die Geschichte der Illenau von 1842 bis 1940“.
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